Im Berner Sprachraum wird heute noch ab und zu eine ältere Frau, die komisch, kauzig oder sogar unheimlich erscheint als Haaghuuri bezeichnet. Woher aber stammt dieser Ausdruck?
In der alten Zeit lebten die (ersten) Bauern in kleinen Gemeinschaften zusammen. Sie rodeten ein Stück Land und pflügten die Erde um zu sähen. Durch die Rodung wuchsen Dorngestrüppe–, Brom– und Himbeeren, Weiss– und Schwarzdorn, aber auch Haselnüsse und Eberesche. Je mehr das freilaufende Vieh an diesem Gestrüpp knabberte, umso dichter wurde die Hecke. Diese Hecke, oder Haag, bot den Siedlern Schutz vor wilden Tieren, vor den plündernden wilden Waldmenschen, aber auch vor Geistern und Dämonen.
Jede Sippe hatte ihre heilkundige Alte — die Hüterin des Feuers, des Hauses (Haus–Frau!), die ihr Wissen von der Grossmutter bekommen hatte, welche auch wieder von der Grossmutter eingeweiht worden war...
Im Winter sass die Alte beim Feuer, träumte und erzählte Geschichten vom Wald und seinen Geistern von Naturgeistern und Zauberwesen.
Im Frühjahr aber zog es sie zum Haag, wo sie heilkräftige Kräuter sammelte, auf die Natur lauschte und sich in ihre Geheimnisse einweihen liess.
Da die Grossmutter lange und oft in der Hecke weilte, nannten sie die Dorfbewohner Heckensitzerin — Heckenreiterin — Hagezussa (zussa bedeutet Weib) oder Hagedise (Dise bedeutet Geist).

Diese Alte am Herd und im Haag war die Verbindung zu den Stammesmüttern, war eine Grenzgängerin.
Als Diese, verbunden mit allem alten Wissen und den Schicksalsgöttinnen, hatte sie die Aufgabe bei der Geburt eines Kindes die Nabelschnur zu durchtrennen und den neuen Erdenbürger ins Leben zu begleiten. Aber auch einem Sterbenden den Lebensfaden zu durchschneiden (symbolisch!) und ihn ins Totenreich zu begleiten.
Sie war eine Wissende. Nicht im Sinne unserer heutigen Wissenschaft, sondern im schamanischen, magischen Sinne.
Die Haagreiterin verband sich mit der Seele der Natur, der Waldseele und lernte von den Natur–Geistern und Elementen die Geheimnisse der Heilkraft von Bäumen, Pflanzen, Kristallen etc.
Bis ins frühe Mittelalter waren diese weisen Frauen hoch angesehen und geschätzt!
Sie kannten den Zeitpunkt zum Sähen und den richtigen Moment zur Ernte, sie bestimmten Rituale und Kräuterzauber, Opfergaben etc.

Im Zuge der Christianisierung kam bei Priestern und Missionaren Unbehagen auf gegen soviel Macht und Wissen. Naturrituale wurden verboten, ganze heilige Haine mit geheiligten Bäumen wurden gefällt, das Wissen der weisen Frauen verteufelt und sie selbst dämonisiert.
Als böse Hexen wurden sie der Unzucht mit dem Satan angeklagt. Und um das Alte Wissen gänzlich zu vertreiben und die Menschen dem einzigen, zürnenden Gott zu unterwefen, gipfelte die Ausrottung der Naturreligionen in den jahrhunderte langen Hexenverbrennungen.
Viel von dem wunderbaren, Alten Wissen ist verloren gegangen. Die Natur hat ihre Geheimnisse behalten! Wir können auch heute noch (wieder) von ihr lernen und erfahren ihre wunderbare Kraft.
